Das Wettrennen um das höchste Haus am Rennweg
Am Rennweg in Zürich findet derzeit ein Gesamtumbau einer historischen Liegenschaft statt, der von Archäotektur im Auftrag der Stadtarchäologie Zürich begleitet wird. Der Rennweg war im Spätmittelalter noch keine Fussgängerzone, sondern im Gegenteil eine schnelle Fahrstrasse, die den von Süden und Westen kommenden Verkehr durch das mit einem Bollwerk befestigte Rennwegtor in die Stadt führte.
Die Lage am Stadtrand war zunächst besonders für bestimmte Gewerbe wie Metzger und Schmiede attraktiv. Zwischen ca. 1600 und 1620 ist hier ein Bauboom nachweisbar, in dem verschiedene Gebäude repräsentativ erneuert wurden, darunter auch die untersuchte Liegenschaft.
Das Haus befindet sich am «äusseren» Rennweg in der «minderen Stadt» auf der linken Limmatseite. Im Zuge des aktuellen Umbaus wurde die Nordbrandmauer von jüngeren Einbauten und Oberflächen befreit. Dahinter kamen zahlreiche ältere Befunde zum Vorschein, die gemäss stilistischer Einschätzungen und dendrochronologischer Untersuchungen eine Baugeschichte vom 13. Jahrhundert bis in die heutige Zeit erzählen.
Besonders augenfällig sind die zahlreichen Dachschrägen auf der gegen 27 Meter hohen Brandmauer, die sich auf den Structure from Motion (SFM) Aufnahmen gut abzeichnen. Die älteren Dächer zeigen augenfällig, wie hier mit dem Nachbarn «um die Wette gebaut» wurde, indem abwechselnd beide Liegenschaften aufstockten. Die aktuell im Umbau befindliche Liegenschaft gewann das Wettrennen schliesslich, und blieb von 1876 bis Mitte des 20. Jahrhunderts das höchste Haus am Rennweg.
Weitere Aufschlüsse konnten durch Grabungen im Keller gewonnen werden. Die Befunde sind aussergewöhnlich und ein sehr gutes Beispiel dafür, wie mit einer interessierten Bauherrschaft, einer offenen Bauleitung und einem aufmerksamen Baumeister die Archäologie noch auf unentdeckte Geschichte stossen kann.